Abhängig von der Distanz geht Tanja Jauk zu Fuss zu ihren Patienten, nutzt das Velo oder steigt ins Auto. Mehr als 15 Kilometer sind es am Standort Wil nie. 25 Minuten Fahrtzeit plant sie ein, 25 Minuten Therapiezeit erhalten die Patienten – genau wie im Zentrum.

Wer viel liegt und sich wenig bewegt, verliert an Muskelkraft.

Die Patienten, die eine Domizilbehandlung wollen oder brauchen, sind nicht mehr mobil. Oft leben sie allein zuhause oder in einer Pflegeeinrichtung. Ihnen fehlen die Angehörigen, die sie zu einem Physiotermin fahren könnten oder aber Kraft und Energie, sich eigenständig in der Praxis einzufinden. Nicht nur ältere Patienten nehmen das Angebot der Domizilbehandlung wahr, Tanja und ihre Kollegen therapieren auch Kinder mit schweren Krankheiten oder Palliativpatienten. Denn wer viel liegt und sich wenig bewegt, verliert an Muskelkraft. Das wirkt sich auf den gesamten Körper aus. Bewegung schafft längerfristig Wohlbefinden. Und diese Bewegung lässt sich auch mit begrenzten Möglichkeiten ausführen.

Durch die Betreuung ausserhalb der Praxis erfährt man viel über die Menschen, mit denen man trainiert. Im Zentrum fällt es den Patienten oft schwer, ehrlich mitzuteilen, wie es ihnen geht. Gerade deshalb schätzt Tanja den Besuch im privaten Raum sehr. Sie erfährt mehr, ist näher am Fall und kann praktische, individuell auf die Situation angepasste Tipps geben. «Wenn ich bei älteren Patienten zuhause bin, üben wir vor allem die Mobilität, machen Gangtraining und steigen Treppen. Das lässt sich auch ohne mein Beisein später gut fortführen. Wenn ich Stolperfallen sehe, mache ich Patienten natürlich darauf aufmerksam und gebe ihnen den einen oder anderen Ratschlag mit auf den Weg, wie sie weiterhin fit bleiben und daheim keine Unfälle passieren.»

Man tauscht sich aus, gibt sich Tipps – das macht den Alltag einfacher.

Doch nicht nur die Patienten profitieren von Tipps. Auch Pflegepersonal und Therapeuten anderer Fachrichtungen schätzen den Kontakt. Man tauscht sich aus, gibt sich Tipps – das macht den Alltag einfacher.

Für die Übungen mit ihren Patienten benötigt Tanja nicht zwingend Geräte, das lässt sich auch mit einfachen Hilfsmitteln machen. Gelegentlich bringt sie Therabänder oder Bälle mit zum Training. Zum Start werden bei einem eingehenden Gespräch Umstände und Ziele besprochen und ein Therapieplan erstellt. Anfangs erhalten Patienten zweimal wöchentlich einen Besuch, später wird reduziert auf einmal pro Woche. Zum Abschluss werden Test gemacht, mit denen sich der Erfolg kontrollieren lässt. Das Gangtraining oder Treppensteigen sind Indikatoren, ob nach mehrwöchiger Behandlungsphase mehr Mobilität vorhanden ist. Die Befunde werden an die behandelnden Ärzte weitergegeben. «Das Schreiben der Berichte nehme ich sehr ernst. Schliesslich muss sich der Arzt auf meine Einschätzung verlassen können», sagt die 23-Jährige.

Eine bessere Organisation würde die Arbeit erleichtern.

Für sie ist der Mix aus Praxis- und Heimbehandlung eine spannende Abwechslung, auch wenn sie bei der Domizilbehandlung schon mal auf Hürden stösst. Dann nämlich, wenn Patienten keine Angehörigen mehr haben und Termine vergessen, oder wenn sich in einem Pflegeheim niemand zuständig fühlt und keine Ansprechperson vorhanden ist. Eine bessere Organisation würde die Arbeit erleichtern. Nichtsdestotrotz freut sich Tanja schon jetzt wieder auf ihren nächsten Einsatz und auf das Eintauchen in die Lebenswelt ihrer Patienten.

Tanja Jauk arbeitet seit einem Jahr als Physiotherapeutin im PHYSIOZENTRUM in Wil.